Befreiungsschlag der Küstenbewohner

Tonnenabschlagen... Was ist das fragen Sie? Wer nicht aus der Region rund um die Ostsee-Halbinsel Fischland-Darß-Zingst kommt, kann sich kaum etwas darunter vorstellen.

 

Vielleicht kennen Sie das Ringreiten auch Ringstechen genannt?! Das Tonnenabschlagen können Sie sich grundsätzlich ähnlich vorstellen.

 

Dieser Reiterwettkampf spielt sich auf einer langgezogenen Galopp-Arena ab. In der Mitte steht ein großes Holzgerüst, an dem in zirka drei Metern Höhe ein Heringsfass hängt. Hier galoppieren die Reiter durch, einer nach dem anderen, und schlagen mit einem Holzknüppel auf das Fass (die Tonne). So platzen nach uns nach erst einzelne Splitter oder Holzstücke von der Tonne ab. Der Reiter, der das letzte Stückchen der Stäben abschlägt ist der Stäbenkönig. Wer das allerletzte Fitzelchen Holz vom Gerüst haut, ist der Tonnenkönig und darf sich damit ein Jahr lang feiern lassen.

 

Aber was ist der Ursprung dieser Tradition? Da sind sich die Historiker uneins.

 

Das Tonnenabschlagen, Tonnenreiten oder auch Tonnenschlagen ist in dieser Region eine Tradition, ist aber nicht hier entstanden. Der Ursprung des Tonnenabschlagens ist nicht eindeutig zu ermitteln. Es gibt verschiedene Deutungen der Herkunft. Einschlägige Literatur besagt, dass dieser Brauch scheinbar von Holland über Schweden in unsere Region getragen wurde. Die erste Erwähnung stammt aus dem Jahre 1520. In einigen Gegenden wurde eine Katze, oder auch andere Tiere, in die Tonne gesperrt. Die Katze bedeutete das Böse, mit der Tötung besiegte man das Böse. Eine doch etwas grausame Art der Belustigung.

Hartnäckig aber hält sich die Version, dass diese Form von Reiterspielen ihren Ursprung für diese Region etwa 100 bis 150 Jahre nach dem Dreißigjährigen Krieg, also etwa 1750 bis 1800, hat. Nach Abzug der schwedischen Truppen aus dieser Region brauchten keine Abgaben mehr an diese entrichtet werden. Es soll mit der Übergabe der letzten Heringstonne an die abziehenden Schweden im Rahmen eines Wettbewerbes eine Tonne zerschlagen worden sein. Ein Befreiungsschlag. An diesem Brauch wurde bis heute (mit zeitweiligen Unterbrechungen) festgehalten.

 

Tonnenabschlagen ist entlang der Ostseeküste von Wismar bis Usedom zu finden. Verstärkt ist dieser Brauch aber auf dem Fischland-Darß-Zingst verbreitet. Klockenhagen als Tor zu der Halbinsel macht da keine Ausnahme. Auch in Schweden und Dänemark wird heute noch dieser Brauch mit Leben erfüllt.

 

Waren es am Anfang meistens noch Bauern, die das Tonnenabschlagen durchführten, schon weil sie im Besitz von Pferden waren, so haben sich im Laufe der Zeit auch andere Schichten der Bevölkerung diesem Brauch angeschlossen. Dazu gehörten speziell in der Küstenregion auch die Seeleute, deren Schiff gerade im Heimathafen lag.

 

Eine Besonderheit war und ist das Tonnenabschlagen zu Fuß oder auch mit dem Fahrrad. Das Tonnenabschlagen zu Fuß entstand scheinbar als Notlösung, da andere Bevölkerungsgruppen nicht im Besitz von Pferden waren. Dazu gehörten z.B. die Wald- bzw.  Landarbeiter. Diese Form wird heute in Klockenhagen mit den Kindern durchgeführt, die mit viel Eifer dabei sind.

 

Die Anzugsordnung hat sich im Laufe der Jahre auch verändert. Von festlicher Tracht mit steifem Zylinder über Reiterkleidung, auch mal bunte Hüte und Mützen bis zu der heutigen Kleiderordnung, schwarz/weiß mit schwarzer Schiffermütze, lässt sich ein großer Bogen spannen.

 

Ältere Einwohner von Klockenhagen erzählten immer wieder, dass das Tonnenabschlagen im Ort schon sehr lange betrieben wurde, konnten aber keine genauen Daten und Nachweise erbringen. Erst in einem Artikel aus der Zeitung vom 23.Juni 1881 über das Tonnenabschlagen in Wustrow auf dem Darß wird Klockenhagen folgendermaßen erwähnt: „Gäste aus Ribnitz waren nur spärlich (in Wustrow) erschienen. Mancher dürfte von dort nach Klockenhagen gewandert sein, wo auch gestern die gleiche Volksbelustigung begangen ward“.

 

Ein Artikel aus dem Rostocker Anzeiger unter dem Titel „Alte Bräuche in Mecklenburg“ von 1923 bestätigt, dass von 1881 bis 1885 auch schon dem Vergnügen gefrönt wurde.

 

Eine wieder gefundenen Fahne und ein Zeitungsartikel aus dem „Ribnitzer Stadt- und Landboten“ von 1930, der das zehnjährige Gründungsjubiläum beschreibt, belegt diese langjährige Tradition in Klockenhagen. Danach wurde 1921 ein Verein in Klockenhagen  gegründet und besteht seit dem mit Unterbrechungen bis heute. 

 

Zuerst nannte er sich Tonnenbund, später dann Reitverein. Nach 1950 war es wieder der Tonnenbund und nach 1990 wurde daraus der Reit- und Tonnenbund Klockenhagen e.V.

 

Inzwischen wird immer am letzten Sonnabend im Juli eines jeden Jahres als Höhepunkt im Vereinsleben des Reit- und Tonnenbundes Klockenhagen e.V. das Tonnenabschlagen durchgeführt. Das ist nicht nur ein Fest für die Vereinsmitglieder und Einwohner, sondern diese Veranstaltung ist in Zusammenarbeit mit dem Freilichtmuseum Klockenhagen auch zu einem Treffpunkt für viele Urlauber und Gäste geworden.

 

Unser Schlachtruf: "Ein dreifach gut Schlag! Gut Schlag! Gut Schlag!" Wir freuen uns auf Sie!

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© Heike Prohn